Im Studio mit: Tim Dinter
Das ist das Schicksal des Großstadtcowboys. Eingeklemmt in
den Rahmen einer Werbetafel scheint der Westernheld durch die steinerne Prärie
zu galoppieren, umzingelt von Beton, Autos, Wohnhäusern. Hinter dem
Reklame-Cowboy leuchtet es orange, als reite der einsame Held vor einem
Sonnenuntergang. Die Farbe kommt von einem weiteren Wohnhaus, das hinter zwei
grauen Brandmauern hervorlugt. Mit wenigen Strichen und Farbtupfern hat der
Zeichner eine typische Straßenszene aus Mitte festgehalten und sie zur Metapher
erhoben für das Wechselspiel zwischen Alt und Neu, zwischen Aufbruch und
Verharren, das für Viertel wie dieses symptomatisch ist.

Es ist der Blick des Zugezogenen, der Dinters Werk prägt, seitdem der gebürtige
Hamburger vor 13 Jahren über den Umweg der bayerischen Barockstadt Landshut
nach Berlin kam. Die Stadtbilder von Dinter sind Dokumente des Übergangs, wie
er gerade zwischen Mitte und Pankow auch 17 Jahre nach dem Mauerfall immer noch
allgegenwärtig ist.
Die Schnelllebigkeit, mit der sich Berlins östliche Innenstadt wandelt, ist dem
1971 geborenen Künstler suspekt und fasziniert ihn zugleich. Als Dinter, der
zum Studium an die Kunsthochschule Weißensee nach Berlin kam, seine erste
Wohnung an der Grenze zwischen Mitte und Wedding bezog, fühlte er sich in einen
melancholischen Film von Wim Wenders versetzt. Tatsächlich strahlen Dinters
Bilder eine ähnliche Atmosphäre aus wie die meditativen Kinobilder und Fotos
des Regisseurs.
Beispielhaft zeigt das eine Szene aus der Torstraße: Zwischen zwei Wohnblöcken
steckt ein niedriger 30er-Jahre-Bau, auf dessen Fassade die verblassten
Buchstaben "kod" zu erkennen sind - Relikte des Schriftzuges "Skoda" aus
DDR-Zeiten. Die Buchstaben hat Dinter leuchtend gelb unterlegt, die gleiche
Farbe ziert einen modernen Transporter vor dem Gebäude. Auch wenn auf dem Bild kein
Mensch zu sehen ist, hat man das Gefühl einer belebten Szene, einer
Auseinandersetzung zwischen Vergangenheit und Zukunft, Abschied und Neuanfang.
Eine Kulisse, gemacht wie für einen Berlinfilm, auch wenn der nur im Kopf des
Betrachters abgeht.
|